Wovon ich dachte, es sei ein aufregendes, tolles Leben, dass meine Eltern die ersten Jahre in Deutschland lebten, hat sich gezeigt, dass es es schwieriger war als in Vietnam selbst.
Natürlich wusste ich, dass meine Eltern ihre Familie, Freunde und letztendlich Heimat verließen, damit sie viel Geld verdienen würden um es zurück nach Hause zu bringen, ein besseres Leben als zu haben und einfach zufrieden zu sein. Aber falsch gedacht. 1. sind Vietnamesen nie mit sich zufrieden. 2. konnten sie damals beim Antritt ihrer Reise gar nicht gewusst haben, dass sie überhaupt einmal Geld verdienen, denn sie waren die Kinder Vietnams, die sich aus der Verschuldung rausarbeiten mussten. Das alles habe ich erst richtig realisiert, als ich die Filme, welche ich da oben gepostet habe, gesehen habe. Ich schäm mich ein wenig, sogar viel...
Es ist nicht so, dass ich nie weiß, wie meine Eltern hierüber kamen. Nur habe ich nie davon mitbekommen, dass es einen Vertag gab, zwischen der DDR und Vietnam, der da besagte, dass Vietnam die durch den Krieg entstandenen Unkosten aufkommen soll, in Form von Zeitarbeit. So sand Vietnam seine Kinder nach Deutschland, der Arbeitsvertrag galt 5 Jahre. 5 Jahre in denen sie unter staatlicher ( sowohl von der DDR als auch Vietnam) beobachtet wurden. ( Demnach durften sie in den Arbeitsjahren nicht schwanger werden etc.) In den Reportagen wird auch von ehemaligen Vertragsarbeitern klar gestellt, dass sie sehr einsam waren, zwar waren die Unterkünfte so aufgeteilt, dass alle vietnamesischen Arbeiter in einem Block und jeweils in Wohngemeinschaften à 5 Mitbewohnern lebten, aber sie fühlten sich doch recht ausgeschlossen, was nicht nur an den mangelnden Sprachkenntnissen lag, sondern auch von der allmählichen Ablehnung der Deutschen. Wer Glück hatte konnte 6 Monate deutsch lernen, den meisten blieben nur 2 Monate um die Grundkenntnisse zu erlernen um dann schnell in den Betrieben mit arbeiten anzufangen. Die Frauen nähten meist Textilien und Schuhe, die Männer arbeiteten körperlich hart beim Maschinenbau, beim Eisenbahnbau oder anderem. Ja, die jungen, kleinen unterernährten Vietnamesen. Man hätte sie auch als Helden feiern müssen, aber ihre Anerkennung blieb ihnen verschmäht.
Bei meinen Eltern war es bestimmt auch so. Ich weiß es ja nicht genau. Frag später mal nach. Mama hat erzählt, dass sie die älteste der Familie ist. Die älteste von 7 Geschwistern. Opa war früh gestorben, ich habe ihn nicht persönlich kennengelernt. So blieb alles an ihr hängen. Nach der Schule kam sie nach Deutschland. Sie ist die Hoffnung von Oma. Reich ist meine Familie nie gewesen. Auch, dass sie in einer Stadt wohnt, die an der Grenze zu den "nicht soooo zivilisierten" Bergvölkern wohnt, spielt eine große Rolle. Wenn eine Deutsche zu mir sagt, das sie in ihrer Kindheit sehr viel durchmachen musste, wie z.B. nach der Schule sich um den Haushalt kümmern, weil die Eltern arbeiten waren und niemand zuhause war um noch auf die 2 kleinen Geschwister aufzupassen, dann kann ich mir vorstellen, dass es schon ziemlich schwierig ist für ein Kind so viel Verantwortung zu übernehmen, aber wenn ich mir vorstelle, dass die Kinder in Vietnam damals neben Haushalt und Schule auch noch unter harten Bedingungen arbeiten mussten um Geld einzubringen, dann ist es auch klar, dass ich meiner Mutter viel mehr Respekt zolle, auch wenn es nicht meine Mutter wäre. Sie verließ also Familie und Heimat und machte sich mit ihren Freundinnen, mit denen sie heute nach 23 Jahren immer noch befreundet ist auf die Reise ihres Lebens. Fremde Kultur, westliches Leben wie sie es sich nie vorstellen konnte, weil sie es nicht kannte. Zu Hause gab es keinen Fernseher, und überhaupt interessierte die böse westliche Welt, die Kriege macht, nicht. Ich sah Bilder mit Mamas erster Dauerwelle, eng geschnittene Jeans, sogar mit drauf genähtem Levi's Zeichen. Sie machte ihrem Job alle Ehre, denn sie konnte gut mit Nähmaschinen. Und überhaupt war sie eine der ersten Vietnamesen, die nach Deutschland kamen! Sie nähte Schuhe für Adidas. Auf den Bildern, die sie mit ihrer ersten Polaroid Kamera macht, war sie immer fröhlich, hatte Poster und Bildchen aus der Bravo an der braunen DDR Tapete und war auch mit vielen gut befreundet.
Mein Vater machte in Deutschland eine Ausbildung in einer Zementfabrik. Es war der 2.wichtigste Baustofflieferant auf der ganzen Welt. Larfage Zement in Karsdorf. Vorher lebte er aber ein halbes Jahr in Weimar, wo er einen Deutschkurs und arbeitsvorbereitenden Unterricht bekam. Mit jedem Vietnamesen, den er zu der Zeit kennengelernt hatte, hat er bis heute noch Kontakt, mit vielen von ihnen sind auch innige Freundschaften entstanden. Als Lehrling bekam er ca. 200DM im Monat. Er hatte sich nach seinem Führerschein einen Trabbi, danach einen alten Sirocco, und später einen weißen VW, wovon es noch Bilder gibt, gekauft. Die ganze Zeit war er unter Freunden, die am Wochenende feierten oder die Frauen im nebenstehenden Block besuchten. Es war eine schöne Zeit, so habe ich es aufgefasst, als Papa davon erzählte mit einem Glänzen in den Augen, dass er eigentlich nur bekommt, wenn er seine Autozeitschrift aufmacht und bei Porsche stoppt.